print logo

Industrie: Nur jeder Zweite mit digitalen Kompetenzen

Nur 48 Prozent der Industrie-Beschäftigten geben auf LinkedIn an, über digitale Kompetenzen zu verfügen - in hohen Hierarchie-Ebenen noch weniger.
© ifo Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V.
 
Digitale Kompetenzen nehmen in der deutschen Industrie zu. Das zeigt eine neue Studie, die das ifo Institut gemeinsam mit dem LinkedIn Economic Graph Team auf Basis von Daten des beruflichen Netzwerks LinkedIn durchgeführt hat. Seit 2016 geben immer mehr Mitarbeiter in der Industrie digitale Kompetenzen in ihren Lebensläufen an.

Heute besitzen 48 Prozent der LinkedIn-Mitglieder aus der Industrie digitale Kompetenzen. „Das ist ein überraschend niedriger Wert. In einem Land mit hoch digitalisierter Produktion würde man erwarten, dass alle Mitarbeitenden zumindest über Anwendungskompetenzen verfügen“, sagt Oliver Falck, Leiter des ifo Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien. Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), sagt: „Digitale Kompetenzen sind entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Die Studie zeigt, dass es noch Luft nach oben gibt.“

„Die Ergebnisse zeigen, dass es in Deutschland Aufholbedarf gibt“, sagt Barbara Wittmann, Senior Director Talent Solutions und Mitglied der Geschäftsführung bei LinkedIn DACH. „Um im globalen Wettbewerb bestehen zu können, müssen wir die Chancen der Digitalisierung nutzen, diese gestalten und vorantreiben. Dazu brauchen wir Mitarbeiter und Führungspersönlichkeiten, die neue Technologien auf der einen Seite verstehen und anwenden, sie auf der anderen Seite aber auch eigenständig entwickeln können. Es ist Aufgabe von Politik, Bildungsinstitutionen, aber auch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sicherzustellen, dass wir bei diesem Thema den Anschluss nicht verlieren und dass alle von den Chancen der Digitalisierung profitieren.“

Falck fügt an: „Ein gutes Drittel (36 Prozent) der Mitglieder besitzt sogenannte digitale Fachkompetenzen. Das sind genau die Fähigkeiten, die es ermöglichen, die Digitalisierung in Unternehmen voranzutreiben und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.“

Je höher in der Hierarchie die Mitglieder stehen, desto weniger digitale Fachkompetenzen geben sie an. 41 Prozent der Einsteiger besitzen digitale Fachkompetenzen, 40 Prozent der Angestellten, 30 Prozent der Manager und nur 25 Prozent der Vorstände. „Das ist bedenklich, denn digitaler Wandel ist in der Regel erfolgreicher, wenn er von der Unternehmensspitze her vorangetrieben wird“, sagt Falck. Kampeter ergänzt: „Lebenslanges Lernen ist dabei das A und O. Wir brauchen eine neue Weiterbildungskultur, die lebenslanges Lernen für jeden und jede unabhängig der Branche oder der beruflichen Tätigkeit selbstverständlich sein lässt.“

Bei den Mitarbeitenden zeigen sich Unterschiede, in Bezug auf Berufsgruppen, Geschlecht und Größe ihres Arbeitgebers: Erwartungsgemäß geben die meisten Softwareentwickler an, digitale Fachkompetenzen zu besitzen (88 Prozent), hingegen nur 42 Prozent der Projektmanager, 39 Prozent der Maschinenbauingenieure, 31 Prozent der Produktmanager und 21 Prozent der Vertriebsspezialisten.

Frauen sind bei den digitalen Anwendungskompetenzen stark, Männer dagegen bei den digitalen Fachkompetenzen (37 Prozent, Frauen 33 Prozent).

Mitarbeitende in kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU) besitzen weniger digitale Fachkompetenzen (35 Prozent) als die in Konzernen (41 Prozent). Dieser Abstand vergrößert sich: „Wenn der Aufbau digitaler Fachkompetenzen bei den KMU langsamer vorangeht, muss man fragen, ob diese besondere Unterstützung benötigen“, sagt Falck. Kampeter sagt: „Wichtig ist, dass Weiterbildung praxisnah und bedarfsorientiert erfolgt und in enger Abstimmung zwischen Unternehmen und Beschäftigten. Die Unternehmen wissen um die Bedeutung von Weiterbildung: Sie investieren schon heute jährlich 33,5 Milliarden Euro in die Weiterbildung ihrer Beschäftigten.“

Über Branchen hinweg ergeben sich folgende Unterschiede: In der Verteidigungs- und Raumfahrtindustrie sind digitale Fachkompetenzen stark ausgeprägt (56 Prozent). Ebenfalls gut ausgestattet sind die Elektronikbranche (44), die Industrielle Automatisierung (44) und die Automobilindustrie (41).

Die regionale Verteilung in deutschen Großstädten ist unausgewogen: Während der Anteil der Mitglieder mit digitalen Fachkompetenzen in München (45), Regensburg (45), Berlin (42) und Stuttgart (42) vergleichsweise hoch ist, beträgt er z.B. in Leipzig nur 29 Prozent. „Wenn alle an den Vorteilen der Digitalisierung teilhaben sollen, muss die Politik darauf achten, dass sich diese Ungleichheiten nicht verstärken“, sagt Falck.